Joe Arpaio kept his childish soul. Wherever he finds an audience he becomes the horse-mounted guardian for law and order, an image taken straight from a tattered fictional children’s book or a movie. In his mind the golden dreamed-up past is still alive, and because he is the sheriff he has the power to turn it into reality.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

19.04.2001

Tagebuch

Rauhe Schale, weiches Hirn

Amerikas härtester Sheriff ist ein Kindskopf: „Ein Mann räumt auf“

Amerika, immer schon hat, wer die Vereinigten Staaten meint, den ganzen Kontinent beim Namen genannt und damit eine Entgrenzung betrieben, die sich dem Vernehmen nach auch im Dasein seiner Bewohner spiegelt. Alles ist möglich, alles vorstellbar. Gibt nichts, was es nicht gibt. Dieser phantastischen Annahme entsprechen kindliche Wahrnehmungsmuster. Die Welt, sie ordnet sich in Gut und Böse. Nie haben hier Fürstenhäuser miteinander gerungen, die sich nur durch ihre Wappenzier unterschieden. Was sich an amerikanischen Konflikten eingeprägt hat, war stets aufdröselbar in Schwarz und Weiss: Wilde Weisse überrannten arglose Alt-Amerikaner. Böse Sklavenhalter hieben aufgeklärten Yankees auf den Schädel. Dunkle Mächte liessen strahlende Präsidenten gar zu früh sterben. Märchenhaft, al dies, und nur wo Märchen noch geglaubt werden, kann es eine Figur geben wie Joe Apraio, „America’s toughest Sheriff“. Seit 1993 tut er seinen Dienst in Maricopa County, Arizona.

Diese Gegend ist reich gesegnet mit einem Gut, das wir hierzulande als Luxus empfinden: Platz. Gemeinhin ist er recht sandig und karg, dem Sheriff aber gut genug, einen allbeklagten Missstand kurzerhand auszuräumen: Die Gefängnisse seien überfüllt. Sheriff Joe ist kein Mann des Klagens oder Zagens, ebenso wenig schreckt ihn die irakische Obstruktionsfirma Amnesty International. Er schafft ausrangierte Zelte aus Militärbeständen heran, lässt einen Zaun errichten und vergisst auch eine muntere Leuchtschrift nicht: „Vacancy“ Zimmer frei. Schon hat er mehr als genug Betten für seine Schützlinge, all jene, die vom rechten Weg geraten oder doch zumindest unter Verdacht. Die Hitze und der Sand und die Kälte im Winter, sie sind ein Gruss aus den endlosen Weiten der Freiheit, deren Besitz hier so kostbar erscheint.

Joe Arpaio hat sich seine kindliche Seele bewahrt. Wo immer er ein Publikum findet, wird er eins mit seiner Lieblingsrolle, dem reitenden Ordnungshüter zerfledderter Groschenhefte und farbenfroh flimmernder Filme. In seinem Geist ist die golden geträumte Vergangenheit noch lebendig, und da er der Sheriff ist, kann dieser Geist die Welt gestalten. Unablässig wirft er daher die Schlechten ins Kittchen, eine Mischung aus Alcatraz und Disneyland. Ganz echt sind die trockenen Brote und grün angelaufenen Schinken, ebenso echt die tristen Verwahrungszellen, in denen die Gefangenen einander das Leben vergällen. Echt aber, und da mag man sich die Augen reiben, ist auch die rosa Pflichtunterwäsche, echt sind auch die Ketten an den Füssen und die webcams im Gefängnis. Sheriff Joe hat einen Strafvollzug geschaffen, wie er im Jungendbuch steht. Er sei ein Teddybär, sagt seine Frau, die Häftlinge seien wie kleiner Kinder für ihn, und die müssten ja mal bestraft werden.

Arpaio ist nicht bange, sich zu zeigen. Aug’ in Auge stellt er sich vor die Häftlinge hin und zeigt ihnen den Schäferhund, der besseres Futter bekommt als sie. Gleichfalls ist die Kamera ein stummes Publikum, dem er aufrechte Gesinnung vorlebt. So zitiert er Gandhi, lässt sich auf einer Parade beklatschen, und singt mit zuchthaus-würdiger Stimme „I did it my way“. Dass er in der Bevölkerung einen stabilen Rückhalt hat, ist nicht geflunkert. Schliesslich haben die Leute ihn ja gewählt, schliesslich findet seine Armee freiwilliger Helfer ordentlich Zulauf. 3600 Hilfssheriffs hat der Mann rekrutiert, allenthalben wachen sie über Sitte und Gesetz. „Das ist wie in den Cowboyfilmen“, sagt er, nur jage man jetzt keine Viehdiebe mehr sondern Autoknacker. Wenn er mal abtritt, sagt Arpaio, möchte er in den Sonnenuntergang fahren. Wann aber soll das sein? Vor der Rente fürchtet er sich. Und seine Mission ist doch wohl erst erfüllt, wenn eine Hälfte der Bevölkerung einen Stern trägt – und die andere im Lager sitzt. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

Marianne Trench halt lange nachgedacht, ob sie einen Film über Sheriff Joe überhaupt drehen soll. Ihm selbst nämlich scheint jede Form der Publizität förderlich und scheint sie noch so kritisch. Breitwillig steht er Rede und Antwort und posiert sogar vor einem Panzer.