It is remarkable that the New York director Marianne Trench was able to find and bring this psychologically- ill pensioner in front of a camera. Much has been written, said and broadcast about the ethics and meaning of the death penalty – by the murderers, the victims' families, the wrongly convicted, the lawyers, and the politicians. The executioners, on the other hand, have never been heard from. Now they have.

Frankfurter Allgemeine

Zeitung für Deutschland

Sahen auch viel besser aus

Glaube fern des fünften Gebots: „Der Henker“ (ZDF)

Viermal ließ Donald Hocutt das giftige Gasgemisch in die Todeskammer einströmen. Jedesmal war er die Tage danach wie benommen, lag auf dem Sofa, starrte abwechselnd in den Fernseher und an die Decke, sprach weder mit seiner Frau noch mit seinen beiden Söhnen. Nachdem der staatlich bestellte Henker der Parchman Farm, des berüchtigten Gefängnisses im Mississippidelta, jedoch das Urteil gegen Leo Edwards vollstreckt hatte, war es dann soweit: Statt sich wie sonst wieder zu erholen und aus der Lethargie zu erwachen, brach er physisch zusammen. Nachts lief er mit gezücktem Revolver im Haus herum, fest davon überzeugt, der Hingerichtete sei dort.

Die Diagnose der Ärzte lautete: Verfolgungswahn und manische Depression, typische Krankheitsbilder, die Henker seit jeher überdurchschnittlich oft ereilen. Mit vierundvierzig Jahren wurde Donald arbeitsunfähig erklärt. Seitdem schluckt der Mann Antidepressiva. Dabei hatte aus seiner Sicht alles so hoffnungsvoll begonnen, als Gefängniswärter im Hochsicherheitstrakt. Er bewährte sich, hielt Auszeichnungen und Orden, eine Beförderung nach der nächsten, bis in der Gouverneur eines Tages zum „state executioner“ ernannte. Und Donald ist, was in Marianne Trenchs film „Der Henker“ unausgesprochen bleibt, nicht in den Beruf hineingezwungen worden. Er hat ihn freiwillig gewählt, wie sich in den Vereinigten Staaten die Vollzugsanstalten überhaupt einer großen Zahl an Bewerbungen für die Henkerposten erfreuen. Noch heute ist Donald diese furchtbare Faszination anzumerken, sobald er stolz – mit den leuchtenden Augen eines kleinen Jungen – von der Verbesserung eines Kopfgurtes für die Gaskammer erzählt. Nachdem ein Verurteilter im minutenlangen Todeskampf mit dem Schädel gegen die Kammerwand geschlagen hatte, habe Donald von Häftlingen neue Gurt anfertigen lassen. Die waren aus Leder, boten Halt gegen Todeswindungen und „sahen auch viel besser aus“, bemerkt er mit ernster Mine. In diesem Moment ist zu spüren, wie sehr im der Beruf einst Berufung war.

Das ihm gewidmete Porträt ist immer da am stärksten, wo es sich ganz auf seinen Protagonisten konzentriert, ihn sprechen lässt und die Kamera sein Gesicht in Grossaufname einfängt. Am schwächsten, wenn belehrende Kommentare aus dem Off ertönen. Ja, er hat den geliebten Vater schon früh verloren. Ja, die Mutter kam mit dem Jungen nicht zurecht und gab ihn in die Hände des Onkels, eines Trinkers. Ja, zu Hause und in der Schule gab es Schläge. Ja und schließlich blieb er unter Gleichaltrigen ein Außenseiter. Dies könnte ebenso gut die Hintergrundgeschichte für einen Schwerverbrecher bilden, der in der Todeszelle sitzt, und dessen Taten ein wenig verständlicher gemacht werden sollen, wie die eines Aufsteigers, der sich aus dem Sumpf seiner Kindheit gezogen hat – oder die von Donald Hocutt, dem Henker. Die Leistung der New Yorker Filmregisseurin Trench aber, den psychisch kranken, frühpensionierten Vollstrecker ausfindig und vor die Kamera gebracht zu haben, schmälert das kaum. Viel wurde bisher geschrieben, geredet und gesendet über Ethik und Sinn der Todesstrafe, die Mörder, die Opfer, die irrtümlich Verurteilten, die Anwälte, die Haltung der Politiker und der Öffentlichkeit zu diesem Thema. Die Vollstreckungsbeamten dagegen kamen nie zu Wort. Auch deshalb nicht, weil sie lieber anonym bleiben. Ihre Namen sind meist nur der Gefängnisleitung bekannt. Früher hießen die Scharfrichter die „Unehrlichen“, weil sie eine mindere soziale Stellung einnahmen, vom Bürgerrecht und öffentlichen Ehrenämtern ausgeschlossen waren. Das hat sich geändert, doch zu den Geächteten zählen sie immer noch.

Wirklich reflektieren kann Donald solche Fragen in seinem Todestrakt nicht. Am Anfang des Films steht er am Grad des ersten Delinquenten, den er im Namen des Staates hingerichtet hat. Die spontane Annahme, er wolle sich bei dem Toten entschuldigen, wird am Ende von einer anderen abgelöst – dass er es wieder tun würde und dies dem Toten zeigen will. „Ich bin noch immer für die Todesstrafe, bevor ich in den Strafvollzug gegangen bin und während ich da war. Wenn ich nicht daran geglaubt hätte, dann hätte ich es nicht getan. Ob ich richtig gehandelt habe? Natürlich wünsche ich mir, dass ich niemals an einer Hinrichtung beteiligt gewesen wäre, aber es war, wie es war. Ich bin für die Todesstrafe, denn das entspricht einfach meiner Überzeugung.“ Dieser Glaube und die Medikamente bewahren ihn vor einem weiteren Zusammenbruch. Denn bei jeder Hinrichtung ist ein Teil von ihm selbst gestorben. Alexander Gallus